Die Geschichte der Wolken
Hans Magnus Enzensberger

1. So wie sie auftauchen, über Nacht oder aus heiterem Himmel, kann man kaum behaupten, daß sie geboren werden. So wie sie unmerklich vergehen, haben sie keine Ahnung vom Sterben. Ihrer Vergänglichkeit kann sowieso keiner das Wasser reichen.

Majestätisch einsam und weiß steigen sie auf vor seidigem Blau, oder drängeln sich aneinander wie frierende Tiere, kollektiv und dumpf, ballen sich tintig zu elektrischen Katastrophen, dröhnen, leuchten, ungerührt, hageln und schütten sich aus.

Dann wieder prahlen sie mit eitlen Künsten, verfärben sich, äffen alles, was fest ist, nach. Ein Spiel ist ihre Geschichte, unblutig, älter als unsre. Historiker, Henker und Ärzte brauchen sie nicht, kommen aus ohne Häuptlinge, ohne Schlachten.

Ihre hohen Wanderungen sind ruhig und unaufhaltsam. Es kümmert sie nichts. Wahrscheinlich glauben sie an die Auferstehung, gedankenlos glücklich wie ich, der ihnen auf dem Rücken liegend eine Weile lang zusieht.

2. Gegen Streß, Kummer, Eifersucht, Depression empfiehlt sich die Betrachtung der Wolken. Mit ihren rotgoldenen Abendrändern übertreffen sie Patinir und Tiepolo. Die flüchtigsten aller Meisterwerke, schwerer zu zählen als jede Rentierherde, enden in keinem Museum.


Wolkenarchäologie - eine Wissenschaft für die Engel. Ja, ohne dieWolken stürbe alles, was lebt. Erfinder sind sie: Kein Feuer ohne sie, kein elektrisches Licht. Ja, es empfiehlt sich, bei Müdigkeit, Wut und Verzweiflung, die Augen gen Himmel zu wenden.

3. Der blaue Himmel ist blau. Damit ist alles gesagt über den blauen Himmel.


Dagegen diese fliegenden Bilderrätsel - obwohl die Lösung immerfort wechselt, kann sie ein jeder entziffern.

Unfaßbar sind sie in höheren Lagen, nebulös. Und wie sanft sie hinsterben! So schmerzlos ist wenig hier. Die Wolken, sie haben keine Angst, als wüßten sie, daß sie immer wieder zur Welt kommen.


4. Wie sie sich seidig hinzieht, diese Population von glänzenden Rippen, Flocken und Schleiern, wie sie sich eilig aufbauschen, diese Bänke, Ballen, Walzen, Kuppeln, Türme, wie dann wieder alles stockt, wochenlang hängenbleibt, grau und verdrießlich - Fortschritte werden nicht gemacht in der Evolution der Wolken. Vom Kampf ums Dasein gar keine Spur! Eine Prise Staub genügt, ein bißchen Salz oder Rauch. Dann dampft man, entlädt sich, blitzt und hagelt und schneit. Ja, sie mutieren unentwegt, über Nacht, diese Kreaturen, gewaltlos und einfallsreich. Variationen noch und noch, und bei alle dem bleibt alles beim alten.


5. Aber sie können auch anders. Und dann, aus Wut oder Übermut ballen sie sich, und faustdick drohen sie. Schwarzgallig knallend bricht aus ihnen die alte Gewalt. Plötzlich platzt alles, Schall, Spannung, Wasser und Eis.

Dann flüchten wir, wie immer im Bett überrascht, auf die Dächer, schnatternd, und warten im Dunkel, den Säugling an die Rippen gepreßt, in der Hand den Kanarienvogel, auf die Sirenen, das Schlauchboot, das ferne Schwirren des Hubschraubers.


6. Leider, mit ihrem Leumund steht es nicht zum besten. Es sei kein Verlaß auf sie, heißt es. Wo sie endeten, wo sie anfingen, nicht einmal das wisse man genau. Dieses ewige Schwimmen, Verschwimmen- Thermik, Taupunkt und Turbulenz -, grenzenlos leicht fertig sei das und leicht verderblich. Was wiegen sie überhaupt? Das sei die Frage. Auch daß sie ohne uns auskommen, die Wolken, aber nicht umgekehrt, mißfällt. Schwere Vorwürfe, zu schwer vielleicht, für das was so schwebend lebt.


7. Wehe uns, wenn sie frösteln! In ihrem undurchsichtigen Innern erzeugen sie dieses weiße Zeug, Myriaden von zart verzweigten Dendriten, eisig, ein jeder von jedem verschieden, wie wir, doch vollkommen regelmäßig.


Kepler hatte kein Mikroskop, doch er wußte Bescheid, sah das Atomgitter, erriet seine Rotationssymmetrie, sechzig Grad, berechnete seine Packungsdichte: [pi]/2[Quadratwurzel]3.

Sublime Kristalle. Das Hinfällige ist es, was winzig, unmerklich leicht, auf unsere Häupter fällt und, während wir schlafen, tonnenschwer unter sich manches, was atmet, begräbt.

8. "Nie kann das Meer der Lüfte den echten Naturforscher kalt lassen", sagte sich einst Mr Howard, der amTottenham Green seine Pillen drehte, milden Anstalten zugeneigt. Zum Aufklärer gereift und zum Wolkenjäger, brachte er, was am Himmel wehte, entschieden in Ordnung: Haarlocken, Schichten und Haufen, bestimmte das Unbestimmte, und schränkte es ein, "wodurch die Gegenstände gestempelt werden". Doch auch lateinisch getauft fahren sie fort, zu tun, was sie wollen, die Wolken, keine der andern gleich, niemandes Mündel. Schwierig, den Himmel zu stempeln. Ach, nicht unbedingt, braver Howard, ist es dir zu verdanken, daß es aufklart, zuweilen.

9. Dann wieder hangen sie über uns, zäh, wochenlang, und wir brüten in ihrem Schatten, der, graumeliert, keinen Schatten wirft, unzufrieden, bis endlich die schläfrige Decke aufreißt, föhnig, die Luft auf einmal elektrisch geistert, so, daß wir aus dem Haus stürzen, tänzelnd im hellen Taumel unsrer Geschäfte, während dort oben die Himmelskünstler, endlich, wie wir, aus der Apathie erwacht, ihre selbstlose Vorstellung geben.


10. Wir, die wir uns ängstlich fragen, wie wir wieder runterkommen mit unsern lachhaften Luftschiffen, schwerfälligen Blechschachteln, dröhnend vor Nervosität - dagegen diese riesenhaften Nomaden! Wüstenscheu wandern sie, leicht, lentissimo maestoso, über den Erdboden hin, lassen sich treiben, gelassen, und manchmal versammeln sie sich zu Palavern, die schweigsam verlaufen. Dann wieder wehen sie auseinander, und langsam verdunsten sie in der Höhe, bis nur noch eine einzige, klein wie eine sehnsüchtige Erinnerung, weiß am Himmel verweilt.

11. Über Fehler sind sie erhaben. Daß eine von ihnen mißraten wäre, wird so leicht niemand behaupten. Was da in einer Minute niederprasselt, sind Millionen von Graupeln. Jede einzelne ist perfekt. Kein Blitz, der dem andern gliche. Und das alles ohne Gehirn!
Herzlos/herzig, arm/reich, gut/böse: Probleme, die ihnen fernliegen. Taifune, Sintfluten, Hagelschlag, ihr sprachloses Schauspiel, ein Jammer für manchen Mann, sieht anders, ganz anders aus, vor Bewunderung sprachlos vom Ararat aus betrachtet.

12. Eine Minute lang nicht hingeschaut, schon sind sie da, plötzlich, weiß, blühend ja, aber wenig handfest - ein wenig Feuchtigkeit, hoch oben, etwas Unmerkliches, das auf der Haut hinschmilzt: rasanter Übergang von Phase zu Phase - schön und gut. Doch auch die Physik der Wolken hat nicht alles im Griff. Im Zweifelsfall "nimmt man an", "ist der Auffassung". Schleierhaft, diese Regengallen, Fallstreifen, Lichtsäulen, Halos. Weiß der Himmel, wie sie es machen. Eine Spezies, vergänglich, doch älter als unsereiner. Nur daß sie uns überleben wird um ein paar Millionen Jahre hin oder her, steht fest.

L’histoire des nuages
Hans Magnus Enzensberger

1. Qu’ils surgissent au cœur de la nuit
ou dans un ciel serein,
il est difficile d’affirmer qu’ils naissent.
Et lorsqu’ils s’effacent imperceptiblement,
c’est sans aucune idée de la mort.
Leur fugacité est sans égal.

Ils montent solitaires, d’un blanc majestueux
dans un ciel bleu soyeux,
ou se serrent les uns contre les autres
comme des animaux transis,
liés par une bêtise collective, ils se vident en catastrophes électriques, grondent, étincellent, grêlent, impassibles.

Puis à nouveau ils se pavanent ornés de vains artifices, se colorent, imitent ce qui est solide.
Leur histoire est plus vieille que la nôtre, un jeu sans violence. Ils se passent d’historiens,
de bourreaux, de médecins,
ils se débrouillent sans capitaines, sans batailles.

Leurs promenades en altitude sont calmes, irrésistibles.
Ils vivent dans l’insouciance.
Ils croient peut-être à la résurrection,
sans penser à rien, heureux comme moi
qui les regarde un moment couché sur le dos.

2. Contre l’angoisse, le chagrin, la jalousie,
la dépression, regardons les nuages.
Avec leurs bords d’or rouge
dans le soir,
ils dépassent Patinir et Tiepolo.
Les plus éphémères des chefs-d’œuvre,
plus difficiles à compter
qu’un troupeau de rennes, ne finissent pas au musée.

L’archéologie des nuages - une science
pour les anges. Sans les nuages
ce qui vit mourrait.
Sans eux, pas de feu, ni de lumière électrique. Oui, contre la fatigue,
la colère ou le désespoir
il faut lever les yeux vers le ciel.

3. Le ciel bleu est bleu.
Et tout a été dit
sur le ciel bleu.

Par contre chacun peut déchiffrer
les énigmes de ces images volantes,
dont la solution change
continuellement.

Ils sont nébuleux, intouchables dans les sphères les plus hautes. Que leur mort est douce ! Rares sont les choses aussi paisibles ici-bas. Les nuages n’ont pas peur comme s’ils savaient
qu’ils reviendront toujours au monde.

4. Comme elle s’étire, cette population soyeuse de cornes, de flocons et de voiles brillants,
comme elle enfle brusquement en traînées
en ballots, en rouleaux, en coupoles, en tours, avant que tout s’arrête à nouveau, reste suspendu des semaines,
gris et maussade – plus aucun mouvement  
dans l’évolution des nuages. Aucune trace
du combat pour la vie! Une pincée de poussière suffit, un peu de sel ou de fumée. Et c’est le retour de l’étuve, des décharges, des éclairs et de la neige.
Oui, elles mutent soudain, dans la nuit, ces créatures pacifiques et fantasques.
Des variations, encore et toujours, et malgré tout, tout reste comme avant.
 

5. Mais ils peuvent aussi agir autrement.
R
ageurs ou orgueilleux,
ils s’agglutinent et menacent,
de leur poing énorme. Tonnant d’un fiel noir
ils vomissent la vieille violence.
Soudain tout éclate, tonnerre,
éclair, eau et glace.

Alors surpris dans notre lit,
nous fuyons sur les toits, claquant des dents, un enfant serré contre nous,
un canari à la main,
en attendant les sirènes, la barque,
le lointain bourdonnement de l’hélicoptère.

6. Ils ont mauvaise réputation,
malheureusement.
On ne peut se fier à eux, paraît-il.
O
n ne sait pas vraiment où ils commencent, où ils finissent. Cet éternel flottement, ce flou – les courants thermiques, le point de condensation, les turbulences - serait immensément léger et vite périssable. D’ailleurs combien pèsent-ils? Voilà la question.
Comment les nuages font-ils pour vivre sans nous, qui ne pouvons vivre sans eux ? C’est déplaisant, à la fin. Des reproches bien lourds, trop lourds peut-être pour qui vit comme eux, en flottant.

7. Malheur à nous quand ils frissonnent!
Dans leurs entrailles invisibles
ils fabriquent cette chose blanche,
des myriades de dendrites, délicatement ramifiées, glacées, chacune différente de l’autre, comme nous, et pourtant parfaitement régulières.

Kepler n’avait pas de microscope,
mais il les connaissait, il a vu la structure de l’atome, deviné sa symétrie de rotation,
soixante degrés, calculé la densité de la matière:
[pi]/2[Quadratwurzel]3.

Cristaux sublimes. Matière si fragile,
minuscule, incroyablement légère,
qui tombe sur nos têtes et enfouit sous son poids pesant des tonnes d’êtres qui respirent, tandis que nous dormons.
 
8. “Jamais la mer aérienne
ne laissera le vrai naturaliste indifférent”
se dit un jour Mr Howard,
qui fabriquait ses pilules
sur le Tottenham Green.
Donateur des instituts de bienfaisance,
adepte des Lumières et chasseur de nuages,
il a mis de l’ordre dans le désordre du ciel:
boucles de cheveux, stries et amoncellements, il a défini l’indéfini, l’a réduit “comme on étiquette les objets”.
Mais même affublés de noms latins, les nuages
font ce qu’ils veulent, tous différents, pupille de personne. Difficile d’étiqueter le ciel. Ah, ce n’est pas forcément toi brave Howard, à qui l’on doit
la lumière parfois.

9. Et à nouveau, voilà qu’ils pèsent sur nous, tenaces, pendant des semaines,
nous ruminons dans leur ombre grise qui ne projette aucune ombre, maussades,
jusqu’à ce qu’enfin la couverture somnolente se déchire, avec le fœhn, l’air brusquement s’électrise, et nous nous précipitons dehors, valsant dans le tumulte clair de nos affaires, tandis que là-haut les artistes du ciel, enfin réveillés comme nous de leur apathie, donnent leur spectacle gratuit.


10. Nous qui nous demandons anxieusement
comment redescendre
de nos lourdes boîtes d’acier ridicules,
bourdonnantes de nervosité -
voyez ces nomades géants!
Ils avancent timides dans le désert, légers,
lentissimo maestoso, au dessus du sol, se laissent dériver, paisibles,
et parfois se rassemblent pour des palabres
silencieux.
Puis à nouveau se séparent, et lentement s’évaporent en altitude, jusqu’à ce qu’un seul petit s’attarde, seul dans le ciel, comme un souvenir nostalgique.
 

11. Ils sont sans défauts. Qui pourrait affirmer que l’un d’eux est difforme.
Des millions de grêlons s’abattent en une minute, et chacun est parfait.
Jamais deux éclairs semblables.
E
t tout cela sans cerveau!
Sans cœur / chaleureux, pauvre / riche,
bon / mauvais : des problèmes qui leur sont étrangers. Typhons, raz de marée, grêle, leur spectacle muet, un désastre pour bien des hommes, a un tout autre aspect si on le contemple du mont Ararat, muet d’admiration.

12. Vous baissez les yeux une minute,
et déjà ils sont là, soudains, blancs,
épanouis mais peu solides - un peu d’humidité là-haut, quelque chose d’invisible fond sur votre peau: passage éclair d’une phase à l’autre – c’est beau et bon.
Mais la physique des nuages ne maîtrise pas tout. En cas de doute “on suppose”, “on pense”. Ces biles de pluie, ces bandes tombantes, ces colonnes de lumière, ces halos, tout est nébuleux. Seul le ciel sait ce que font les nuages.
Une espèce éphémère, mais plus vieille que la nôtre.
Une chose est sûre: ils nous survivront de quelques millions d’années.